„Hoffen auf den Gott, der auf sich warten lässt?“

„Hoffen auf den Gott, der auf sich warten lässt?“

  • mdo  Marc Mader
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  •   Dezember 12, 2021

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Lasst uns in der Stille um Gottes Segen für die Predigt bitten! Herr, unser Gott: Gib uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz! Amen Liebe Gemeinde, der Predigttext ist das Evangelium des heutigen Sonntags. Ich möchte noch ein bisschen erzählen, was vor und nach dem Text kommt – und ihr werdet sehen, dass wir dann mitten im Advent sind. Advent – wir drücken unsere Erwartungen aus, sind dabei auch offen für das Eingreifen eines Größeren in unser Warten. Und wir werden Zeugen, wie Gottes Gnade unseren Erwartungsbecher überlaufen lässt. In den Advent einkehren heißt dann: Wir nehmen wahr, wie in unseren Erwartungen Gott spricht und er Dinge weit über das hinaus bewirkt, was wir so für möglich halten. Das zaubert uns ein Lächeln aufs Gesicht und Ruhe ins Herz. Warum ist das so? Weil es damals bei Zacharias auch schon so war. Hört einmal und vergleicht unsere Zeit mit der von Zacharias.

Zacharias ist der Vater von Johannes dem Täufer. Mit der Ankündigung der Geburt seines Sohnes, hat es ihm die Sprache verschlagen. Er konnte neun Monate lang nicht reden. Der Ofen war aus. Das ist ungewöhnlich – vielleicht eine Strafe Gottes, weil er nicht glauben wollte, dass er und seine Frau noch ein Kind bekommen? Auf jeden Fall keine einfache Zeit für ihn. Es ist ziemlich viel Stress, wenn einem der Mund zugeknebelt ist und man ständig um Rücksicht bitten muss. Man kann sich auch nicht mehr so richtig ausdrücken. Armer Zacharias – er war richtig stumm. Wir haben ein Tuch vor dem Mund. Aber bei Zacharias ist das ja wieder geworden. Und bei uns wird das auch wieder. Aber wie hat Zacharias eigentlich vor der Zeit gelebt, als sein Mund geknebelt war? Was war ihm wichtig? Worum hat sich sein Leben gedreht?

Im Gegensatz zu uns hat Zacharias ohne Fernseher und ständige Nachrichten gelebt. Wir sind es gewohnt, dass uns der Fernseher vorgibt, worüber wir nachdenken sollen. Wenn er fehlt, werden manche Menschen unruhig, weil sie sich in ihren eigenen ungewohnten Gedanken verlieren, wie ein Wanderer in der Wildnis, dessen Führer plötzlich verschwindet. Denkt Euch mal Internet, Radio und Zeitung ebenfalls weg – worüber würdet ihr nachdenken? Wenn Du Zacharias wärst, worüber würdest Du den ganzen Tag nachdenken? Über Deine Familie selbstverständlich. Wahrscheinlich über das, was im kleinstädtischen Alltag so passiert. Ziemlich sicher auch über Deine Gesundheit oder das Wetter. So geht es uns doch heute auch, wenn uns die Informationen aus der Welt nicht vor sich hertreiben. Wir fragen nach den Kindern und deren Bildungseinrichtungen, wir sorgen uns darum, welche Freunde und Partner die Kinder an Land ziehen, erkundigen uns nach der Arbeitsstelle des Nächsten oder schimpfen über umständliche Formulare unseres Staates. Und die Gesundheit ist natürlich auch vorne mit dabei.

Genauso wie bei Zacharias offenbaren sich hinter diesen oberflächlichen Wünschen und Haltungen tiefere Fragen. Zacharias ahnte: Etwas stimmt nicht mit der Welt. Menschen leiden. Sein Volk leidet. Gefährliche Fremde kamen von weit her mit Augen voller Hass und Waffen in den Händen. Dunkelheit und Tod hatte sich ins Land geschlichen. So ging es vielen – nicht nur ihm – im alten Israel. Noch tiefer unter diesen Gedanken mag eine Ahnung liegen, dass es – auch wenn viel schief gelaufen ist – irgendwie eine größere Hoffnung gibt. Das kann doch nicht so bleiben! Die Dinge müssen wieder in Ordnung kommen! Die guten Zustände werden wiederhergestellt werden! Eine solche Hoffnung ist überlebenswichtig. Wenn wir solche Hoffnung nicht haben, sind wir verloren. Man kann das nachlesen bei dem durch Auschwitz gegangen Psychotherapeuten Victor Frankl. Man braucht Sinn und Hoffnung im Angesicht des Chaos. Oft sind es ältere Menschen, die an Früheres erinnern und die Worte der Hoffnung am Leben erhalten. Generationen vor uns haben im und nach dem Krieg Dinge erlebt und durchgehalten, die sehr viel herausfordernder waren. Wir jammern immer noch auf hohem Niveau!

Aber zurück zu Zacharias: Er begegnet uns in der Bibel als Person, die sich schon seit vielen Jahren über den Schmerz und die Hoffnung Gedanken macht. Jetzt, als er endlich voller Ehrfurcht und Entzücken seinen kleinen Sohn betrachtet, sprudelt beides aus ihm heraus. Er betet dieses Lobgedicht – unseren Predigttext. Es ist ein Gedicht darüber, dass Gott endlich eingreift, dass er endlich tut, was er viele Jahrhunderte vorher versprochen hatte. Er greift endlich ein, nachdem sein Volk lange genug unter Hass und Unterdrückung gelitten hat. Ein grausames Reich nach dem anderen hatte auf Israel herumgetrampelt, und nun endlich würde Gott sein Volk befreien. Wir können die vielen Jahre des Schmerzes, des Leides, der Dunkelheit und des Todes spüren, die Zacharias’ Gedanken überschatten. Namenlose Feinde lauern seiner Erfahrung nach hinter jeder Ecke. War das auch der Grund, warum er zuerst an den Worten des Engels Gabriel gezweifelt hat, der ihm die Geburt seines Sohnes ansagte?

Aber wir können auch die langen Jahre des stillen Gebets und des Vertrauens spüren. Gott hatte mit Abraham einen Bund geschlossen. Gott hatte versprochen, einen neuen David zu schicken. Gott hatte von einem Propheten gesprochen, der vorausgeht und den Weg bereitet. All das hatte Zacharias gewusst, geglaubt, dafür gebetet und sich danach gesehnt. Und nun würde alles wahr werden. Ich lese einen Teil des Predigtextes noch einmal in einer anderen Übersetzung und bitte Euch hinzuhören, wie viel Leid und Hoffnung Zacharias darin zum Ausdruck bringt. Er sieht und ahnt, dass sein Sohn Johannes dem versprochenen Messias den Weg bereiten wird. Gott wird durch ihn sprechen. Gott spricht wieder mit seinem Volk. Das heißt auch, dass es bald wieder aufwärts geht. Er sieht es kommen und spricht davon, als ob es schon da wäre. Auf seine alten Tage bahnt sich ein unglaubliches Vertrauen und eine starke Hoffnung an:

„Gepriesen sei der HERR, Israels Gott, denn er ist seinem Volk zu Hilfe gekommen und hat es befreit. Er hat uns einen starken Retter gesandt, einen Nachkommen seines Dieners David. So hat Gott es von jeher angekündigt durch den Mund seiner heiligen Propheten – einen Retter, der uns befreit von unseren Feinden und aus der Gewalt aller, die uns hassen. Damit hat Gott auch unseren Vätern seine Barmherzigkeit erwiesen. Er hat an den heiligen Bund gedacht, den er mit ihnen geschlossen hat. Ja, er hat an den Eid gedacht, den er unserem Vater Abraham geschworen hat: uns aus der Hand von Feinden zu retten. Dann können wir ohne Angst Gottesdienst feiern – heilig und nach seinem Willen, in seiner Gegenwart, solange wir leben. Aber auch du, Kind, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden. Du wirst dem Herrn vorangehen und die Wege für ihn bereit machen.“

Ich habe den Eindruck, dass diese Worte deutlich zeigen, wie viel Unzufriedenheit
Zacharias empfindet: Sein Land ist eben nicht in Ordnung. Die Herrschaft ist ungerecht und unterdrückend. Da ist Feindschaft und Hass und Uneinigkeit und Entmündigung. So sieht er eine politische Befreiung kommen. Er sieht, wie die Generation nach ihm aus der Hand der Feinde gerettet wird – nach Gottes Willen, durch einen Retter.

Wenn ich uns heute beobachte, dann spüre und sehe ich ähnliches. Risse gehen durch unser Land. Die einen fühlen sich ausgegrenzt, verstehen die jeweils aktuelle Heraus- forderung als Angriff und sagen, dass man nicht mehr frei seine Meinung sagen dürfe. Die anderen wiederum sehen genau dieses aufbegehrende Gemisch als gefährlich an und beklagen den pauschalen Verlust des gesunden Menschenverstandes und des Vertrauens in Experten und Verantwortungsträger. Zu Beginn des 21. Jh. erleben wir in kurzer Abfolge immer neue Krisen mit globalen Auswirkungen: politische Krisen, die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Klimakrise, jetzt Corona. Es gibt wie bei Zacharias diesen Frust und die Fragen, die eigentlich viel tiefer gehen. Aber es gibt einen bezeichnenden Unterschied zu Zacharias: Seine Vision geht über eine bloße innerweltliche Neuordnung der politischen Kräfte hinaus. Gottes Gnade, die Vergebung der Sünden, die Errettung vom Tod – all das deutet auf eine tiefere und weitere Bedeutung von „Erlösung“ hin. Lukas bereitet uns vor, zu sehen, dass Gott, wenn er die alttestamentlichen Verheißungen erfüllt, viel mehr vollbringt als eine innerweltliche Erlösung. Gott stößt die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, in der die Sünde und der Tod selbst bezwungen sein werden.

Und das ist es, worauf wir an Weihnachten hinfiebern. Bis dahin müssen wir die Spannung aushalten und Geduld üben: Es gibt diese Unzufriedenheit. Es gibt unsere Erwartungen. Kommen wird Jesus. Es ist aber noch nicht Weihnachten. Jesus ist noch nicht da. Die Spannung löst sich noch nicht auf. Hin und wieder gibt es aber Zeichen der Hoffnung: Zarachias hat neun Monaten schweigen müssen. Diese Zeit endete, als er den Namen seines Kindes nennt. Dieses Ereignis spiegelt damit im Kleinen wider, was in Israel zu jener Zeit vorging. Viele glaubten, dass das prophetische Reden seit langer Zeit verstummt war. Nun aber würde es wieder erklingen und viele wieder dazu bringen, Gott treu zu sein. Ein kleines, aber bedeutsames Zeichen: Gott schwieg – und Zacharias schwieg auch. Jetzt redet Zacharias wieder – und Gott auch. Etwas Neues beginnt! Lukas’ langes erstes Kapitel bringt zusammen, was wir oft getrennt halten wollen, weil das einfacher zu sein scheint. Punkt für Punkt hat er seine Geschichte mit der alttestamentlichen Geschichte des Volkes Israel verbunden, mit den Patriarchen, den Königen, den Propheten und Psalmen. Er schreibt von einer Zeit, in der die jahrhundertealte Geschichte endlich aus dem Dunkel ins plötzliche Licht kommt. Nie vergisst er diesen größeren Zusammenhang. Alles, was er uns über Jesus erzählen wird, ergibt Sinn als Erfüllung von Gottes uralten Verheißungen. Die Hoffnung Israels trägt endlich Früchte.

Gleichzeitig vibriert Lukas’ Geschichte geradezu, weil sie voll persönlicher Hoffnungen und Ängste ganz normaler Menschen ist. Zacharias, Elisabeth und Maria werden als wirkliche Menschen geschildert. Sie schwanken zwischen Glauben und Zweifel. Sie sind berufen, Gott in einem nie dagewesenen Moment der Geschichte zu vertrauen. Damit zeigt uns Lukas den Charakter Gottes. Der hält nämlich beides, das große Ganze und die kleinen menschlichen Geschichten, für gleichermaßen wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass wir das auch heute brauchen – den Blick auf Gottes große Geschichte und seine Verheißungen, die in Jesus ihren Höhepunkt erreichen. In der begründeten Hoffnung auf IHN, auf sein Kommen können wir die adventliche Spannung aushalten. Und doch fällt uns beides heute so schwer – der Blick auf Jesus und auch das Warten darauf, dass Gott viel tiefer auf unsere Bedürfnisse eingeht als das politisch jemals möglich ist.

Warten können wir kaum noch. Alles muss heute schnell gehen. Beschleunigung ist Trumpf, Zeit ist Geld. Beim Einkaufen: „Wenn Sie nachgewiesenermaßen mehr als fünf Minuten warten, bekommen Sie von uns 2,50€ ersetzt.“ Beim Aufbau der Internetseite. Bei der Reaktion auf eine Mail. Beim Erreichen des Urlaubsortes – natürlich mit dem Flugzeug, so schnell, dass unsere Seele nicht nachkommt; in immer schnelleren Zugverbindungen, die immer mehr den Anschluss verlieren. Beim Aufbau von Beziehungen – da kann es gar nicht schnell genug gehen. Warten, dass – endlich – der Frühling kommt. Warten, dass endlich der Bus kommt, das Wochenende kommt, die Ferien kommen. Warten – das ist aber unumgänglich, weil wir nicht die Herren des Geschehens sind; weil wir die Dinge eben nicht beliebig beschleunigen können; weil wir sie eben nicht in der Hand haben, trotz aller Anstrengungen und aller technischen Fortschritte.

Warten – das ist deshalb so unangenehm, weil es uns mit unserer mangelnden Macht, oft mit unserer Ohnmacht konfrontiert. Weil es uns spüren lässt, dass wir eben doch bloß Menschen sind. Warten müssen wir momentan besonders – auf das Ende der Krise. Corona zwingt uns dazu. Obwohl wir beste Informationsmöglichkeiten haben, geht manches gerade nicht. Was können wir von Zacharias lernen? Schaffen wir es, wie er tiefer zu sehen und somit das Warten der nächsten Monate sinnvoll zu füllen, damit es nicht verlorene Zeit ist? Was können wir JETZT lernen über uns selbst, über unsere Welt, über Gott? Zacharias hat lange gewartet – und er ist dabei gereift und dann, endlich, ist der Punkt erreicht, an dem das große Ereignis, auf das er wartet, unmittelbar vor der Tür steht. Und wir wissen aus unserer deutschen Geschichte: Es kann plötzlich ganz schnell gehen, wenn die Zeit reif ist – biblisch müsste man sagen: wenn sie erfüllt ist. 1989 ging alles plötzlich ganz schnell. Kaum jemand hat damit gerechnet, dass die DDR so plötzlich an ein Ende kommt. Aber im Verborgenen war das längst vorbereitet.

Warten wir so auf das Eingreifen Gottes durch Jesus, wie Zacharias vor über 2.000 Jahren auf das erstmalige Kommen des Messias gewartet hat? Worauf solltest Du sonst warten? Darauf, dass Du diesen oder jene wieder besuchen darfst? Darauf, dass Du wieder in den Urlaub fahren kannst? Darauf, dass Dein Kind einen guten Weg einschlägt? Darauf, dass sich Deine Ehe wieder stabilisiert? Darauf, dass Deine Arbeitsstelle gesichert ist? Das alles sind ja gute Ziele, auf die wir warten und die uns Geduld abfordern. Aber warten darauf nicht alle? Ist das alles, worauf wir als Christen warten?

Advent bedeutet: Wir warten auf den, der diese aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung bringt. Wir warten nicht nur darauf, dass sich Dinge wieder erholen und normalisieren, sondern dass sie tiefgreifend neu geschaffen werden. Trotz allen Fortschritts merken wir gerade in der Krise, dass es vielen an Sinn fehlt – an einem Sinn, der tiefer reicht als das, was materiell ist, was sichtbar ist, was bereits bekannt ist. Aber Gott hat viel mehr mit uns im Sinn als eine innerweltliche Erlösung. Er stößt die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, in der die Sünde und der Tod selbst bezwungen sein werden. AMEN

Und der Friede Gottes, welcher größer ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn

Predigt 3 Advent Kirchgemeinde Burgstädt


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